Von der Aufklärung bis zur curricularen Wende - Die Geschichtsdidaktik im Dienste von herrschaftslegitimierenden Interessen

Auszeichnung



Die Geschichtswissenschaft wurde im 19. Jahrhundert zu einer Leitwissenschaft der aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft. Liberalismus und Nationalstaatlichkeit waren das Programm, Historismus das Vehikel.

Mit der Institutionalisierung der Geschichtswissenschaft als spezialisierter Fachdisziplin geriet die Geschichtsdidaktik zunehmend in den Dienst des Historismus bzw. der ihm zugrunde liegenden nationalgeschichtlichen Interessen. Eine kritische und reflexive Position gegenüber der Geschichtswissenschaft entwickelte die Geschichtsdidaktik im Wesentlichen erst nach der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Blieb die Reflexion auf ihre Wirkungszusammenhänge im Prozess der Verwissenschaftlichung zunächst erhalten, so nahm sie langfristig immer mehr ab (Rüsen, 1991). Einzig die herrschaftslegitimierende Funktion der Geschichte blieb - als (methodisches) Problem der Vermittlung patriotischer, nationalstaatlicher und religiöser Ideologeme - der Geschichtsdidaktik zugedacht. Ein frühes Beispiel für die selbstverständliche Instrumentalisierung der didaktischen Funktionen im Dienste des Historismus liefert eine Empfehlung für Lehrer an höheren Schulen aus dem Jahr 1867.

Schon damals gab es auch kritischere Stimmen: Eine leidenschaftliche Warnung vor "einer gefährlichen Verirrung des Geistes", einer möglichen Sinnentleerung des individuellen Handels, und einer Entsinnlichung und Nivellierung der Sinnfragen durch den Historismus schrieb bereits im Jahre 1874 Friedrich Nietzsche in der zweiten seiner "Unzeitgemäßen Betrachtungen" Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben.

Derartige Warnungen vor einer Instrumentalisierung der Geschichte - und der Geschichtsdidaktik - verhallten damals noch relativ ungehört unter den Historikern. Bis nach der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts blieben die Hauptströmungen der Geschichtsschreibung mehr oder weniger stark im Dienste nationaler und nationalistischer Ideologien. Es bedurfte erst des Schocks des Zusammenbruch der bürgerlichen Kultur im Zuge der strukturellen Veränderungen in und nach dem Ersten Weltkrieg und noch mehr des Traumas von Holcaust und Zweitem Weltkrieg um die Historiker - und nun zunehmend auch Historikerinnen - an die Grundfragen ihrer Profession zu erinnern. Die Geschichtsdidaktiker verblieben in deren Abhängigkeit und standen zur Zeit der totalitären und faschistischen Regime dabei auch unter gehörigem Druck, wie die Beispiele aus dem Ständestaat und der NS-Zeit zeigen.

Erst im Zuge der Diskussionen um die Neukonzeption von Lehr- und Studienplänen in den 1960er und 1970er Jahren, der sog. "curricularen Wende", hat sich die Geschichtsdidaktik aus dem Klientelverhältnis der Geschichtswissenschaft (Rohlfes, 1990) zunehmend emanzipiert und als eigenständige Wissenschaft konstituiert.


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