Tag der Arbeit 1946

Kontext: 1. Mai 1946

Blick über die Wiener Innenstadt am Morgen des 1. Mai 1946. Aus der Ferne sind die Bombenschäden an den Häusern zwar nicht sichtbar, aber die Wohnsituation und die Ernährungslage der Wiener Bevölkerung sind katastrophal. Viele leben auf engstem Raum und müssen Hunger leiden. Der Kaloriensatz für NormalverbraucherInnen ist abermals gesenkt worden und beträgt nur mehr 800 kcal/Tag. Zum ersten Mal seit 13 langen Jahren wird der Weltfeiertag der Arbeit wieder in Frieden gefeiert. „Fahnen heraus! Massen heraus! Morgen marschieren wir! Das arbeitende Wien feiert den 1. Mai mit der Sozialistischen Partei!“ So rief die Arbeiterzeitung schon am Vortag zur Beteiligung an den Maiaufmärschen auf. Und auch die KommunistInnen marschieren wieder. Ihre Bezirkszüge versammeln sich beim „Stalinplatz“ (Schwarzenbergplatz) und ziehen über die Ringsstraße zum Parlament, während die SozialistInnen traditionsgemäß zum buntgeschmückten Rathausplatz marschieren. Auf der Tribüne vor dem Rathaus stehen Bürgermeister Theodor Körner, Altbürgermeister Karl Seitz und Parteichef und Vizekanzler Adolf Schärf. Laut amerikanischer und englischer Nachrichtenagenturen sind 200.000 SozialistInnen und KommunistInnen auf den Beinen - trotz Hunger und schlechtem Schuhwerk. Besonders hoch ist diesmal auch die Beteiligung der Menschen aus den sogenannten Nobelbezirken. Seitz meint in seiner Festrede dazu: „Dieser Maitag erinnert mich an die glänzendsten, die wir je gehabt haben. Es ist ein Glück, dabei zu sein.“

An der Spitze des Zuges der KommunistInnen marschiert die Freie Österreichische Jugend. Bei den SozialistInnen sind die StraßenbahnerInnen auf ihren geschmückten Fahrrädern besonders stark vertreten. Sowohl SPÖ als auch KPÖ fordern die „Demokratisierung des Staatsapparates“, „Entbürokratisierung“, die „endgültige Beseitigung des Faschismus“ und weiters „die Fünf-Tage- und 40 Stunden-Woche.“
Über drei Stunden dauert dieser Maiaufmarsch, der - laut Arbeiterzeitung - nach den langen Jahren der schwarzen und braunen Diktaturen auch eine „Wiederaufstehungsfeier der sozialistischen Arbeiterschaft“ ist.
Zum ersten Mal gibt es auch eine Lautsprechereinrichtung, durch die die Reden vom Schottentor bis zum Volkstheater von allen gehört werden können.

Quellen:
Arbeiterzeitung, 48. Jg., Nr. 101, 30.4.1946.
Arbeiterzeitung, 48. Jg., Nr. 102, 1.5.1946.
Arbeiterzeitung, 48. Jg., Nr. 103, 3.5.1946.
Österreichische Volksstimme, Nr. 101. 30.4.1946.
Österreichische Volksstimme, Nr. 103, 3.5.1946.
Walter Kleindel: Österreich. Daten zur Geschichte und Kultur (Wien 1995).


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